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Notizen zur Geschichte des Primiero-Tales

Am Anfang war der Otter

Die Legende besagt, dass in Urzeiten ein See das ganze Tal bedeckte. Unüberwindbare Berge, die Palagruppe und die Vette Feltrine, dienten dafür, dass das Wasser nicht ausfließen konnte. Es gab nur Fische, Vögel und Säugetiere, wie zum Beispiel Otter. Einer von ihnen grub einen Tunnel durch die südliche Sperre: das Wasser floss langsam heraus und bildete allmählich die schmale Schenèr-Schlucht. Nach der Legende war es also der Otter, der den ersten Menschen erlaubte, das Primiero-Tal zu erreichen. Auf dem Wappen der örtlichen Gemeinschaft hebt sich aus diesem Grund eben ein Otter ab. So schrieb Antonio Rachini, der eine edle Erklärung zu diesem Symbol geben wollte, im Jahre 1723: Die Gemeinschaft von Primiero hat den Otter als ihr eigenes und besonderes Symbol aus einem geheimnisvollen Grund ausgewählt, und zwar, weil er Reinheit und Unschuld von Menschen darstellt, welche, obwohl sie mit Perversen leben, gegen deren Bosheit immun bleiben...
So kann man deutlich erkennen, was für ein Tier von den Fassaden öffentlicher sowie privater Gebäude hervortritt.

Vorgeschichte und Geschichte

Im Jahr 1971 wurden dank Luigi Secco Hunderte von Kieselsteinen ausgegraben, die vor 8.000 Jahren in einem mesolithischem Jägerlager bearbeitet worden waren. Die Reste befanden sich in der Nähe der Colbricon-Seen, nicht weit vom Rolle-Pass, auf einer Höhe von 1900 m.

Die Jäger erreichten die Seen und den Colbricon-Pass, um den Spuren des Wildes zu folgen und es zu töten.
Noch ältere menschliche Reste wurden im Jahr 1986 von Aldo Villabruna in der Schenèr-Schlucht entdeckt. Während Straßenarbeiten bei der Ortschaft Val Rosna fand er das Grab eines Jägers aus dem Jungpaläolithikum.
Neben einer Jagdausrüstung wurde einem fast vollständigen 14.000 Jahre alten Skelett eines Jägers exhumiert. Das Grab war mit großen ockerfarbigen Steinen bedeckt worden, wo Zeichnen von Menschen, Hirschen und Pflanzen zu erkennen sind.
Nicht weit vom südlichen Eingang zum Tal verlief der römische Weg Via Claudia Augusta Altinate; außerdem wurden in Primiero, das von der ursprünglich rätischen und später römischen Stadt Feltre nur 30 km entfernt liegt, Münzen aus der römischen Zeit gefunden. Es gilt insofern als höchstwahrscheinlich, dass das Tal im Hochmittelalter besiedelt war, was die 1995 unter dem Boden der Kirche Santa Maria Assunta in Fiera ausgegrabenen Reste bestätigen.
Während der Bauarbeiten in der Kirche wurden nämlich das Fundament einer frühchristlichen, aus dem 5.-6. Jh. v.C. stammenden Basilika gefunden, die ungefähr die Größe der heutigen Kirche hatte. Die bisherige Hypothese, dass Primiero erst nach dem Jahr Tausend besiedelt war, erwies sich demzufolge als falsch.
Eine Kirche einer solchen Epoche bzw. einer solchen Größe begründet die Theorie über die ständige Niederlassung einer wohlhabenden Gemeinschaft, die in der Lage war, einen solchen Sakralbau zu errichten.
Von den unter dem Kirchenboden entdeckten Resten ist im linken Seitenschiff – von einer Glassscheibe geschützt - noch ein Taufstein sichtbar, wo man die Taufe durch Immersion empfing.

Als Fiera noch nicht da war

Der architektonische Komplex, der hoch über dem Dorf gelegen war, bestand aus der Kirche Santa Maria Assunta, der kleinen Kirche San Martino und dem Palazzo delle Miniere: es handelte sich um ein wichtiges und strategisches Zentrum, wo höchstwahrscheinlich auch vorchristliche Kulte stattfanden.
Vor der Gründung von Fiera gab es im Tal vier Siedlungen: Transacqua mit Pieve und Siror, Tonadico, Mezzano und Imèr mit Canal San Bovo. Es handelte sich um kleine Bauerndörfer, die, von den reißenden Flüssen Canali und Cismon entfernt, sonnenseitig auf alten Schuttkegel gelegen waren.
Die Einwohner lebten hauptsächlich von Viehzucht und Landwirtschaft, wobei der Holzhandel schon in fernen Zeiten eine zusätzliche Ressource darstellte; die Baumstämme wurden über die Flüsse zur Ebene geflößt. Die Dorfebewohner stammten aus der Gegend von Feltre, was mit dem heute noch gesprochenen alpin-venetischen Dialekt bewiesen wird.
Die Gemeinschaft baute eine der Heiligen Maria geweihte Kirche auf, die vor dem Jahr Tausend vom romanischen Stil gekennzeichnet war. Sie diente als wichtigstes religiöses Zentrum und war mit dem Bistum von Feltre verbunden. In den Dörfern wurden später verschiedene Kapellen errichtet, die im Jahr 1367 unter den gemeinschaftlichen Einrichtungen zählten: Sie wurden erst im 20. Jh. zu einzelnen Pfarreien.
Die ursprüngliche Hauptkirche wurde Ende des 15. Jh. mit den heutigen spätgotischen Merkmalen umgebaut. Die Arbeiten wurden von den Bergwerksunternehmern und –Zünften, die aus dem Norden angekommen waren und die Bergwerksindustrie im Tal entwickelt hatten, promoviert und finanziell unterstützt.
Die Kirche wurde mit wertvollem Kirchenschmuck eingerichtet - spektakulären Flügelaltären im Tiroler Stil sowie Fresken von venetischen, wie dem sogenannten Römergemälde von Marco da Mel, oder deutschen Künstlern, wie der Mystischen Jagd auf Einhorn. Im 17. Jh. wurden verschiedene, mit wunderschönen Bildern geschmückte Holzaltäre in den Kirchenschiffen hinzugefügt.
Erst seit Weihnachten 1999 ist der Flügelaltar nach über 70 Jahren wieder an dessen ursprünglichen Stelle im Presbyterium. Es handelt sich um ein Ende des 15. Jh. in einem Tiroler Werkstatt realisiertes Holzwerk, das die wichtigsten Lebensepisoden der Heiligen Maria (Verkündigung, Christi Geburt, ...) darstellt: In der Mitte erkennt man die Marienkrönung seitens der Trinität.

Als die Welsperg in Primiero ankamen

Am Fuße des steilen Wegs Rivéta befindet sich der rosafarbige Palazzo Welsperg, dessen Name nach dem ersten Weltkrieg in Albergo Roma umgewandelt wurde: das Schild stellte sogar eine römische Wölfin dar.
Zu den edelsten Einwanderern, die nach Primiero kamen, zählt die adlige Familie Welsperg aus dem Pustertal, die im Jahre 1401 vom Erzherzog Leopold von Österreich mit dem ganzen Tal belehnt wurde.
Sie ließen sich im alten, das obere Tal beherrschenden Schloss Castel Pietra nieder, wovon nur noch die Ruinen, die am Eingang des Canali-Tales sichtbar sind, übrig geblieben sind. Bis zum 14. Jh. hatte das Schloss als Wohnsitz des Gastaldo gedient, der den Bischof von Feltre in Primiero vertrat.
Nach eineinhalb Jahrhunderten beschlossen die Welsperg, in ein bequemeres Gebäude im Zentrum umzuziehen. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. kauften sie einige Gebäude in Fiera, die miteinander verbunden waren und in den großen, das Dorf beherrschenden Palast am Anfang der heutigen Via Terrabugio umgewandelt wurden.
In diesem prächtigen Gebäude schufen sie im Laufe der Jahrhunderte ihr Vermögen. Den Welsperg wurde der Titel von Grafen verliehen und sie verwalteten das Tal bis 1907, als der örtliche Zweig der Familie ausstarb.
Wenn man die Wände im Eingangsflur des Palastes betrachtet, erkennt man drei verschiedene Versionen des Wappens der Welsperg. Ursprünglich – schreibt Architekt Marco Toffol – bestand das Familienwappen aus einem einfachen in Silber und Schwarz gevierten Schild. Als die Welsperg zu Grafen wurden, wurde das Schild zum Wappen der ausgestorbenen Familie Villanders, d.h. zu einem silbernen Wellenbalken auf Rot wiedergeviert. Im Jahre 1571 wurde auf den schwarzen Feldern ein goldener Löwe mit drei grünen Hügeln – anscheinend das uralte Wappen von Primiero – hinzugefügt. Als letzte Änderung wurde das Schild mit der schwarzen Kugel der Familie Raitenau im Schildfuß erweitert.

Entwicklung des Verwaltungsapparats in Primiero

Vom Palazzo Welsperg überquert man die Straße und erreicht den Platz - früher von der Bevölkerung brolo genannt - , wo sich eine Luigi Negrelli darstellende Statue befindet. Die älteren Dörfer wurden durch das folgende System verwaltet. Jedes Jahr, im März, versammelten sich die Familienoberhäupter auf dem Platz, wo das Treffen der sogenannten vicini stattfand. Die vicini waren diejenigen Einwohner, die seit mehreren Generationen im Dorf wohnten und zur Wartung von Straßen, Brücken, öffentlichen Gebäuden usw. beitrugen. Sie hatten andererseits das Recht dazu, das benötigte Brenn- und Bauholz aus dem gemeinschaftlichen Wald zu entnehmen oder das Vieh auf die Almweiden innerhalb der Gemeinde zu treiben...
Die vicini wählten die sogenannten marzòli – die Bürgermeister der verschiedenen Gemeinden, die nach nur 12 Monaten das Amt niederlegen und der Gemeinschaft über das vergangene Jahr berichten mussten. Die Verwaltung von Fiera di Primiero, so Antonio Rachini, unterschied sich von den anderen: Obwohl Fiera das Zentrum der Gemeinschaft darstellt, wird es selbständig verwaltet und mischt sich in Angelegenheiten und Wahlen der anderen Dörfer nicht ein. Wenn es um die gemeinsamen Interessen des Tales geht, ist in der Entscheidung die Stimme von Fiera ein Fünftel wert. Jedes Jahr wird innerhalb der Gemeinschaft ein Bürghemaster gewählt, der vor dem Generalvertreter der Lehnsherren Welsperg schwören muss, seine Aufgabe als Verwalter zu erfüllen.
Bis zum 19. Jh. wurde der Bürgermeister von Fiera mit der deutschen Bezeichnung genannt, was auf die Herkunft dessen Gründer, im Gegensatz zu den anderen Dörfern, zurückzuführen ist.